Achte wie Menschen miteinander umgehen Zum zweiten Mal unterwegs auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand in Herborn

Widerstand gegen die NS-Diktatur gab es auch in Herborn. Aber auch Verfolgung, Deportation und Mord.

Continental Rheinböllen Zum Ende der Friedenspflicht um Punkt 0 Uhr zog die Nachtschicht zum Warnstreik vor das Werkstor.


Mehr als 30 Menschen versammelten sich am Holocaust Mahnmal in der Walther-Rathenau-Straße auf Einladung des Bündnisses „Woche der Arbeit“ und der AG Gedenktafeln. Das Mahnmal für die ermordeten jüdischen Herbornerinnen und Herborner erinnert seit 2013 an deren Vertreibung und Deportation. „Auch Herborn war Tatort…. Zwischen dem 7. und 13. November 1938 fand der Übergriff der NS-Diktatur gegen jüdische Mitbürger, ihre Kultur, Religion und körperliche Unversehrtheit auch in unserer Stadt zahlreiche Opfer. Bürger, die unsere Stadt ebenso prägten wie gestalteten, mussten mit ansehen und erleiden, wie in der „Reichsprogromnacht“ vom 9./10. November Synagogen und Gebetsräume zerstört, niedergebrannt und verwüstet wurden….“ (Auszug aus dem Text des Einweihungsprogramms vom 8.11.2023).

In der Walther-Rathenau-Straße wurde auch an Friedrich Schmidt erinnert, der im Rahmen der „Aktion Gewitter“ (nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler im Juli 1944) verhaftet, in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, inhaftiert und im Februar 1945 ermordet wurde. Bis heute erinnert nichts an Friedrich Schmidt. Dies möchte die AG Gedenktafeln zusammen mit den Nachfahren ändern.

Hermann Schmidt war einer von denen, über die wir wissen, dass er Widerstand im Kleinen geleistet hat. In der Chaldeärgasse 36 hängte er im Februar 1933, also nach Machtübernahme durch die NSDAP ein Plakat ins Fenster auf dem stand: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber“. Auf dem Plakat war eine Karikatur abgebildet, die einen Mann mit rechteckigem Oberlippenbart, Hakenkreuzarmbinde und einer rot befleckten Metzgerschürze und einem Schlachtermesser stand. Eine Herde Kälber zog an ihm vorbei, die seinen Gruß mit ausgestreckter Hand begrüßten. Das Plakat wurde von der Polizei beschlagnahmt, die Darstellung des „Herrn Reichskanzlers“ mit „blutbefleckter Schürze“ wirke aufreizend und gefährde die öffentliche Sicherheit. So stand es in einer Verfügung gegen Hermann Schmidt. Hermann überlebte die Nazizeit trotz mehrerer Verhaftungen. Er war nach Ende des Krieges Bürgermeister von Herborn bis zu den ersten Wahlen im Frühjahr 1946.

In der Mühlgasse 32 erinnerte man an dem Stolperstein für Ferdinand Schmidt an dessen Verhaftung im August 1944 und Ermordung im Februar 1945 im Konzentrationslager in Herborn. Eine Familienangehörige las aus den Briefen von Ferdinand Schmidt vor, die er aus dem Konzentrationslager an seine Frau und Familie schrieb.

Mit dem Stopp am Herborner Bahnhof erinnerte man an die Deportation am 8. März 1943 der Sinti aus dem Dillkreis in den Tod. Ein Mädchen und ihre Familie entkamen der Deportation nach Auschwitz. Bei dem Mädchen handelt es sich um die Mutter des heutigen stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbandes der Sinti und Roma Hessen.

Mit dem Halt in der Kaiserstraße erinnerte man an die Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, in der Nr. 17 befand sich das Büro des Deutschen Metallarbeiterverbandes. In der Burger Landstraße erinnert eine Messingtafel an das ehemalige Büro des Bergarbeiterverbandes. Die Gewerkschaftssekretäre Adolf Kunz, Hermann Schaub, Heinrich Becker und Paul Szymkowiak verloren ihre Arbeit und mussten den Dillkreis verlassen. Die NS-Organisation Deutsche Arbeitsfront hatte in den Betrieben nun das Sagen. Frei verhandelte Tarifverträge und Mitbestimmung gehörten nun der Vergangenheit an, der Betriebsführer hatte von nun an das alleinige Sagen.

An die Misshandlung von Paul Szymkowiak wurde im Sandweg 3 erinnert und den mutigen Brief von Anna Szymkowiak, in dem sie die Taten der SA bei der Polizei anzeigte. Beide mussten den Dillkreis verlassen.

Auf dem Kornmarkt wohnten viele „Widerständler“, Abonnenten der „Grünen Post“, die nicht zu einer Nazi-Blatt wurde. Unter dem Deckmantel der „Grünen Post“ bezogen frühere SPD-Mitglieder eine der Exil-Zeitschriften der SPD, die „Sozialistische Aktion“. aber auch jüdische Familien. Dort war auch die frühere Synagoge und Mikwe (jüdisches Tauchbecken).

Auf die Rolle der Psychiatrischen Klinik in Herborn während der Nazi-Diktatur wurde hingewiesen, als Durchgangsklinik für Menschen, die im Rahmen der T4-Aktion der Nazis (T 4 steht für Tiergartenstr. 4) in eine der Tötungskliniken (wie z.B. in Hadamar) mit Bussen transportiert, zwangssterilisiert, vergast oder auf andere Weise ermordet wurden. Aber auch die Herborner Psychiatrie war ein Tatort. Auch dort gab es Täter und Täterinnen sowie Mitwisser. Manche davon, waren auch nach 1945 noch in leitender Funktion.

Mit dem Rundgang wollen die Organisatorinnen und Organisatoren nicht nur an die Opfer und an die erinnern, die Widerstand gegen die Nazi-Diktatur geleistet haben. Es geht ihnen auch nicht um eine „kollektive Schuld“. Jedoch will man auf die kollektive Verantwortung und die jedes Einzelnen hinweisen in einer Zeit, in der rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Deutschland, Europa und der Welt. Denn: Nie wieder ist – jetzt!

Der Rundgang, der zum zweiten Mal durchgeführt wurde, soll dazu beitragen, ein dauerhaftes Gedenken im Herborner Stadtbild fest zu verankern. Geplant sind weitere Stolpersteine und Gedenktafeln, wie die in Herborn-Burg, die auf den Überfall am 17. Juli 1932 durch SA und SS auf den Gewerkschafter und seine Familie erinnert.