Herborn/Betzdorf- Die Bundesregierung plant Reformen beim Arbeitszeitgesetzt aber auch in vielen weiteren Bereichen wie z.B. Gesundheit, Pflege und Rente. Reformen dürfen aber nicht zu Verschlechterungen oder einseitiger Belastung führen. Reformen müssen Stärkung, Sicherheit und Perspektive bieten. Daran muss die Bundesregierung sich messen lassen.
Moderne Arbeitszeiten wie die Reform sie bringen soll, wären zu begrüßen. Allerdings ist der 8-Stunden-Tag ein Schutzrecht für Beschäftigte. Es ist im Arbeitsschutz- und Arbeitszeitgesetz eng verbunden und schützt Beschäftigte vor Überlastung und einseitiger Anordnung von Überstunden und Mehrarbeit durch die Arbeitgebenden. Moderne Arbeitszeiten müssen Flexibilität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Gesunderhaltung der Beschäftigten in Mittelpunkt stellen. Eine Reform muss genau auf diese Themenstellungen verlässliche Antworten geben.
Egal ob Beschäftigte im Büro, der Produktion, Dienstleistung, Gesundheitswesen oder Bildung arbeiten, ihre Belastungen sind hoch. Egal ob physische oder psychische Belastungen, nach einem 8 stündigen Arbeitstag muss der Körper sich erholen. Diese Erkenntnis bestätigen Institute und Erfahrungen der Arbeitsmedizin. Flexibilität ist machbar, wird von den Beschäftigten auch ermöglicht, aber die generelle Abkehr vom 8 Stunden-Tag wird die Gesundheit und Belastbarkeit nicht positiv beeinflussen.
„Wenn die Arbeitgebenden in diesem Land über Moderne Arbeitszeiten reden, reden sie auch über Verfügbarkeit und Flexibilität. Stellen die aktuellen Regelungen so dar, als wären diese Regelungen Teil der Gründe der „schlechten“ wirtschaftlichen Situation in diesem Land.“, so Oliver Scheld (1.Bevollmächtigter der IG Metall Herborn-Betzdorf). „Aber schon heute arbeiten Beschäftigte flexibel, länger und bei Bedarf auch kürzer, wenn die betrieblichen Erfordernisse dies erfordern. Rund 1,2 Milliarden Überstunden wurden geleistet, dies entspricht rund 750.000 Vollzeitstellen, die Hälfte wird regelmäßig unbezahlt geleistet. Wer hier den Anspruch auf noch mehr Verfügbarkeit fordert, der stellt die Gesundheit der Menschen gänzlich in Frage!“ so Scheld weiter. „Und die Erfahrung in der täglichen Arbeit, die uns von Beschäftigten sehr oft geschildert wird ist, dass Flexibilitätswünsche der Belegschaften sehr oft abgelehnt werden von Unternehmen, da dies mit betriebsbedingt nicht ermöglicht werden können. Flexibilität darf aber keine Einbahnstraße sein.“, so Scheld weiter.
Die aktuelle Gesetzeslage beschreibt regelmäßige 8-Stunden-Tage als Grundlage. Aber bereits heute sind Arbeitstage bis 10 Stunden täglich möglich. Eine Regelung, die Beschäftigte schützt und einen Rahmen gibt, der schon heute für gesundheitliche Risiken sorgt, wenn regelmäßig länger gearbeitet wird als 8-Stunden täglich.
„Klar ist auch, dass bei mitbestimmten und tarifvertraglich geregelten Arbeitsbedingungen bereits heute eine hohe Flexibilität möglich ist. Tarifbindung und Mitbestimmung werden jedoch von vielen Arbeitgebern gescheut. Wer verlässliche Arbeitsbedingungen bieten, Fachkräfte ausbilden und Perspektiven ermöglichen möchte, muss dafür sorgen, dass Unternehmen Mitbestimmung und Tarifbindung wieder als Chance und wichtige Rahmenbedingungen anerkennen. Dieser Appell richtet sich auch an die Arbeitgeber in unserer Region“, so Harun Durukan (2. Bevollmächtigter der IG Metall Herborn-Betzdorf).
Die Reform der Arbeitszeiten muss Verbesserungen bringen, und zwar für die Beschäftigten. Die Unternehmen verfügen bereits heute über vielfältige gesetzliche Möglichkeiten der Arbeitszeit-flexibilisierung. Sie verfügen in aller Regel über gut ausgebildete, langjährige Beschäftigte, die -wenn überhaupt- nur wegen gesundheitlicher und familiärer Rahmenbedingungen Überstunden oder Mehrarbeit nicht leisten können. Und wenn wir über eine neue Reform reden, dann muss diese auch nachhaltig dokumentiert werden.
„Flexible und moderne Arbeitszeitregelungen müssen auch für beide Seiten nachvollziehbar sein und dokumentiert werden. Dazu gehört auch die digitale Zeiterfassung. Arbeitszeit muss von der ersten bis zur letzten Minute dokumentiert werden. Zum Nachweis und zum Schutz aller Beteiligten. Eine Reform, die keine verbindliche Erfassung vorsieht, wird zu keiner Verbesserung führen.“ so Scheld abschließend.
Wir können das Arbeitsvolumen heben. Dafür braucht es aber bessere gesetzliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Viele Frauen oder auch pflegende Angehörige und Erziehungsberechtigte in unserer Gesellschaft würden gerne mehr arbeiten, bis hin zu Vollzeit. Aber leider ist dies auf Grund fehlenden Betreuungsplätzen in der Kita und Ganztagsangeboten in Schulen, auch weiterführenden Schulen nicht möglich.
„Die Politik muss die Rahmenbedingungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich verbessern um so mehr Menschen die Möglichkeit auf eine breitere Beschäftigung zu ermöglichen! Und die Unternehmen müssen ihre Beschäftigten wertschätzen, ihnen Flexibilität ermöglichen, wenn private Umstände diese erfordert.“, so Durukan abschließend.
Kontakt:
Oliver Scheld, 1.Bevollmächtigter
IG Metall Herborn-Betzdorf
Walther-Rathenau-Straße 55
35745 Herborn
oliver.scheld@igmetall.de
Mobil 015168847026